Forschungsprojekt PARD · Es werden keine Studienteilnehmenden rekrutiert
PARD

Postakute Folgen des stationären Delirs im höheren Lebensalter

Retrospektive Kohortenstudie zu Gesundheits- und Pflegekosten, Versorgungspfaden und klinischen Endpunkten (Mortalität, Demenz, Institutionalisierung) im ersten Jahr nach stationär dokumentiertem Delir bei GKV-Versicherten ab 65 Jahren, auf Basis der Routinedaten des Forschungsdatenzentrums Gesundheit.

Institutionen Klinik für Neurologie, UKSH Campus Kiel · Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Studienregistrierung DRKS00039497
32%
Delirprävalenz bei stationären Patienten über 65 Jahren in deutschen Kliniken
Fuchs et al., Gen Hosp Psychiatry 2020
OR 2,55
Mortalität nach Entlassung, Delir vs. kein Delir (gepoolte Odds Ratio)
Tesfaye et al., Age Ageing 2025
OR 5,37
Inzidente Demenz nach stationärem Delir (gepoolte Odds Ratio)
Tesfaye et al., Age Ageing 2025
OR 2,80
Institutionalisierung nach stationärem Delir (gepoolte Odds Ratio)
Tesfaye et al., Age Ageing 2025
Zu den postakuten Kosten und Versorgungspfaden nach stationärem Delir liegen für Deutschland bislang keine bevölkerungsbezogenen Daten vor. Die Studie schließt diese Lücke mit einer Sekundärdatenanalyse der GKV-Routinedaten im Vergleich zu einer gematchten Kontrollgruppe ohne Delir.

Hintergrund

Das Delir ist ein akutes, fluktuierendes neuropsychiatrisches Syndrom mit Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein, das überwiegend ältere, hospitalisierte Patienten betrifft. In deutschen Krankenhäusern liegt die Prävalenz bei Patienten über 65 Jahren je nach Fachabteilung bei bis zu 32 % (Fuchs et al. 2020). Ein stationäres Delir ist mit erhöhter Mortalität, Institutionalisierung und inzidenter Demenz assoziiert (Tesfaye et al. 2025; Aung Thein et al. 2020). Gesundheitsökonomische Analysen aus Deutschland beschränken sich bislang auf die Kosten des Indexaufenthalts (Weinrebe et al. 2016); Schätzungen zu Langzeitkosten beruhen auf Modellierungen mit selektiven Stichproben (Simon et al. 2021). Sektorenübergreifende Einjahreskosten wurden bisher nur für die USA berichtet (Leslie et al. 2008).


Mit dem Forschungsdatenzentrum (FDZ) Gesundheit stehen die pseudonymisierten Abrechnungs- und Pflegedaten von rund 74 Millionen gesetzlich Versicherten für Sekundärdatenanalysen zur Verfügung. PARD nutzt diese Datenbasis, um postakute Versorgungspfade, Kosten und klinische Endpunkte nach stationärem Delir erstmals bevölkerungsbezogen für Deutschland zu quantifizieren. Die vollständigen Literaturangaben finden sich im Abschnitt Bestehende Evidenz.

Drei Forschungsfragen

Die Studie bearbeitet drei voneinander abgegrenzte Forschungsfragen mit jeweils eigener Auswertung.

Forschungsfrage 1
Gesundheits- und Pflegekosten

Unterscheiden sich die sektorenübergreifenden Gesundheits- und Pflegekosten im ersten Jahr nach stationärem Delir von denen einer gematchten Kontrollgruppe ohne Delir?

Forschungsfrage 2
Klinische Endpunkte

Unterscheiden sich Mortalität, inzidente Demenz und Institutionalisierung innerhalb von zwölf Monaten nach stationärem Delir von der Kontrollgruppe?

Forschungsfrage 3
Versorgungspfade

Wie verlaufen die poststationären Versorgungspfade nach Delir in der Regelversorgung, und inwieweit entsprechen sie den Leitlinienempfehlungen zur Nachsorge?

Bestehende Evidenz

Ausgewählte Arbeiten zur Epidemiologie, zu den Langzeitfolgen und zur gesundheitsökonomischen sowie methodischen Ausgangslage der Studie.

Systematisches Review & Meta-Analyse
Long-term clinical outcomes of delirium after hospital discharge
Tesfaye Y, Davis CR, Hull MJ et al.
Age and Ageing, 2025 · doi:10.1093/ageing/afaf188

Systematisches Review und Meta-Analyse (253 Studien, n ≈ 30.000 mit Delir). Gepoolte Odds Ratios nach Entlassung: Mortalität 2,55, Institutionalisierung 2,80, Demenz 5,37.

Prävalenzerhebung · Deutschland
Delirium in elderly patients: Prospective prevalence across hospital services
Fuchs S, Bode L, Ernst J et al.
General Hospital Psychiatry, 2020 · doi:10.1016/j.genhosppsych.2020.08.010

Prospektive Punktprävalenzerhebung in deutschen Krankenhäusern; Delirprävalenz bei Patienten über 65 Jahren je nach Fachabteilung bis 32 %.

Gesundheitsökonomie · USA
One-year health care costs associated with delirium in the elderly
Leslie DL, Marcantonio ER, Zhang Y et al.
Archives of Internal Medicine, 2008 · PubMed

Sektorenübergreifende Einjahreskosten nach Krankenhausdelir in einer US-Kohorte (stationär, ambulant, Pflegeheim); adjustierte Mehrkosten bis 64.000 USD pro Patient. Für Deutschland liegt keine vergleichbare Analyse vor.

Gesundheitsökonomie · Deutschland
What does delirium cost? An economic evaluation of hyperactive delirium
Weinrebe W, Johannsdottir E, Karaman M, Füsgen I
Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2016 · doi:10.1007/s00391-015-0871-6

Bislang einzige deutsche Kostenanalyse zum Delir; beschränkt auf die Kosten des Indexaufenthalts, ohne postakute Sektoren.

Modellbasierte Kostenschätzung · Deutschland
A Model-Based Estimation of Annual Long-Term Care Costs Following POCD in Elderly Patients
Simon AW, Palte M, Stöhr C et al.
Journal of Public Health International, 2021 · doi:10.14302/issn.2641-4538.jphi-21-3765

Modellbasierte Schätzung jährlicher Pflegekosten nach postoperativer kognitiver Dysfunktion in Deutschland; limitiert durch Modellannahmen und selektive Stichprobe.

Narrative Review · Kosten & soziale Folgen
The financial and social costs of delirium
Caplan GA, Teodorczuk A, Streatfeild J et al.
International Psychogeriatrics, 2020 · PubMed

Narratives Review zu finanziellen und sozialen Folgekosten des Delirs für Gesundheitssystem, Patienten und Angehörige; schätzt den delirattributablen Anteil an Demenzfällen auf bis zu 10 %.

Meta-Analyse · Mortalität
A call to action for delirium research: Meta-analysis and regression of delirium associated mortality
Aung Thein MZ et al.
BMC Geriatrics, 2020 · doi:10.1186/s12877-020-01723-4

Meta-Analyse und Meta-Regression (71 Studien): Delir bei älteren stationären Patienten mit erhöhter Mortalität assoziiert (OR 3,18); kein Rückgang der delirassoziierten Mortalität über drei Jahrzehnte.

Routinedaten · Undercoding
Delirium is under-reported in discharge summaries and in hospital administrative systems: a systematic review
Ibitoye T et al.

Systematisches Review zur Untererfassung: Dokumentation in Entlassungsbriefen 0,1–64 %, ICD-Kodierung in administrativen Daten 1,5–49 %. Grundlage der Sensitivitätsanalysen zur Unterkodierung.

Routinedaten · ICD-Validierung
Characterizing medical patients with delirium: A cohort study comparing ICD-10 codes and a validated chart review method
Sheehan KA et al.

Kohortenstudie: ICD-10-Kodierung identifizierte 6,3 % der Fälle gegenüber 25,7 % im validierten Chart Review (Sensitivität 24 %). Quantifiziert die Untererfassung des Delirs in Routinedaten.

Kohortenstudie · Institutionalisierung
Delirium is a risk factor for institutionalization and functional decline in older hip fracture patients
Krogseth M et al.
Journal of Psychosomatic Research, 2014 · doi:10.1016/j.jpsychores.2013.11.009

Prospektive Kohorte älterer Hüftfrakturpatienten (n = 207): Delir als stärkster unabhängiger Prädiktor für Institutionalisierung nach sechs Monaten (AOR 5,50). Referenz für die Subgruppenanalyse zur hüftgelenknahen Femurfraktur.

Studiendesign und Analysen

Design und Population

Retrospektive Kohortenstudie auf Basis der GKV-Routinedaten des FDZ Gesundheit. Die Expositionskohorte umfasst gesetzlich Versicherte ab 65 Jahren mit stationär kodiertem Delir (ICD-10-GM F05) ab dem Berichtsjahr 2023. Die Kontrollkohorte besteht aus stationären Fällen ohne Delirkodierung und wird mittels Propensity-Score-Matching nach Alter, Geschlecht, Komorbidität (Elixhauser), Haupt- und Nebendiagnosen sowie Prozeduren (OPS) gebildet. Der Beobachtungszeitraum beträgt zwölf Monate ab Entlassung. Primäre Endpunkte sind die sektorenübergreifenden direkten Kosten aus Perspektive der Kranken- und Pflegeversicherung sowie Mortalität, inzidente Demenz und Institutionalisierung; sekundär werden die Inanspruchnahme ambulanter, stationärer und pflegerischer Leistungen und daraus abgeleitete Versorgungspfade erfasst.

Datenbasis: FDZ Gesundheit, Datenmodell 4 (Abrechnungsdaten nach § 303a ff. SGB V einschließlich Pflege- und Heilmitteldaten, pseudonymisiert). Die Analysen erfolgen ausschließlich in der gesicherten Verarbeitungsumgebung des FDZ; exportiert werden aggregierte Ergebnisse nach Output-Kontrolle durch das FDZ.

Auswertung

Zeit-bis-Ereignis-Endpunkte werden mit Kaplan-Meier-Schätzern und Cox-Regressionen analysiert; für inzidente Demenz und Institutionalisierung werden Competing-Risk-Modelle mit Tod als konkurrierendem Ereignis verwendet. Die Kostenanalyse erfolgt mit generalisierten linearen Modellen (Gamma-Verteilung, Log-Link). Versorgungspfade werden deskriptiv über die ambulanten, stationären und pflegerischen Leistungsbereiche abgebildet und den Leitlinienempfehlungen zur Nachsorge gegenübergestellt.

Zur Kontrolle von Confounding wird ergänzend Inverse Probability Weighting eingesetzt. Sensitivitätsanalysen adressieren die dokumentierte Unterkodierung des Delirs in administrativen Daten. Eine vorab definierte Subgruppenanalyse betrifft Patienten mit hüftgelenknaher Femurfraktur. Der Analysecode wird mit der Publikation als Open Source veröffentlicht.

Zeitplan

Geplante Projektlaufzeit: 18 Monate ab Datenzugang.

Abgeschlossen
Vorbereitung
Projektskizze, Ethik-Kommission, DRKS-Registrierung
Monat 1–3
Datenzugang & Skriptentwicklung
Auswertungsskripte am Testdatensatz, Matching-Verfahren
Monat 4–5
Hauptanalyse
Auswertung in der FDZ-Umgebung, Prüfung und Export der Ergebnisse
Monat 6–10
Weitere Analysen
Versorgungspfade, Kosten, Subgruppen, Sensitivitätsanalysen
Monat 11–18
Publikation
Manuskripte (Open Access), Veröffentlichung des Codes
Stand September 2026: Die Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät Kiel hat bestätigt, dass keine Beratungspflicht besteht (D 448/26). Die Studie ist im DRKS registriert. Der Datenzugang setzt die Bereitstellung von Datenmodell 4 (DM4) durch das FDZ Gesundheit voraus, das erstmals Pflege- und Heilmitteldaten umfasst; die Freigabe steht aus. Mit Verfügbarkeit von DM4 beginnen Datenzugang und Skriptentwicklung.

Team

Nikolas Groth
Nikolas Groth
Doktorand · PI
Medizinstudent, MSB Medical School Berlin
Doktorand, Klinik für Neurologie, UKSH Kiel
Lehrbeauftragter Digital Health, MSH Medical School Hamburg
Vorstand, Delir-Netzwerk e.V.
Alexander Seiler
Prof. Dr. med. Alexander Seiler
Betreuung
Oberarzt und Leiter des Neurovaskulären Zentrums
Klinik für Neurologie, UKSH Campus Kiel
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Forschungsschwerpunkt: Klinische Schlaganfallforschung
Peter Nydahl
PD Dr. rer. hum. biol. Peter Nydahl
Betreuung
Pflegewissenschaftler, Pflegeforschung am UKSH Campus Kiel
Forschungsschwerpunkte: Frührehabilitation und Intensivpflege
Deutscher Pflegepreis 2024

Dokumente

Projektdokumente werden im Verlauf der Studie ergänzt.

Projektskizze
Hintergrund, Fragestellungen, Methodik und Zeitplan (Stand Februar 2026).
PDF herunterladen
Studienprotokoll
Wird nach Datenzugang veröffentlicht.
In Vorbereitung
Analysecode
Open-Source-Veröffentlichung mit der Publikation.
Nach Publikation
Publikationen
Peer-reviewte Publikationen des Projekts (Open Access).
Nach Publikation